Kritik

Ein schöner Elchundselberwelch

Die Bibel für Agnostiker: F.W. Bernsteins gesammelte Gedichte bei Kunstmann

Im Nachwort seiner grandiosen Asphalthaíkusammlung »Fallende Groschen« schreibt der Dichter Uli Becker: »Den Witz bei Schwarten habe ich nie kapiert. Paar hundert Seiten am Stück wegputzen, was soll das? Der oft beteuerte Reiz des Schmökerns, des trancehaften Seitenfressens war mir von Anfang an fremd und ist es bis heute geblieben. Dieser sprichwörtliche lange Atem linearer Erzählprosa, ach du Elend! Warum lesen die Menschen so etwas, freiwillig, lassen sich dummschwätzen von einem schamlos vor sich hin rhabarbernden Schwall? Eine Frage der Erwartungen, fürchte ich, die man ans Buch und seine Funktion hat – und da steht ganz obenan wohl der Wunsch nach Abschalten, dem mit der Fernbedienung allein nicht zu genügen ist.«

Noch kürzer weist F.W. Bernstein das Diktat von Schwarte und Schinken zurück – in seinem Vierzeiler »Die bildenden Künste«:
Wichtig ist das Kleinformat
weil’s uns was zu sagen hat.
Große Bilder zeigen
Farb und Form und schweigen.
Jetzt, erstmals und endlich, gibt es Gedichte von Bernstein nicht im Kleinformat, sondern edel, hilfreich und prall: 600 Seiten
Die Gedichte:
Das heißt in diesem Falle
alle!
Elegant in rotes Leinen gebunden kommt das daher, ein Gebet- und Gesangbuch für versfrohe Agnostiker. Sollte ich jemals in die Verlegenheit kommen, einen Schwur ablegen zu müssen – auf diese, auf die Bernstein-Bibel legte ich meine Hand. Denn Bernsteins Gedichte sind entzückend, sie schimmern und leuchten. »Dichterliebe« heißt eins:
Kafka liebt die Sprache und
hat dazu auch allen Grund
Wie? schon fertig? Ja, und das ist ja das Hinreißende: In 14 Silben die Welt – da scheint der Haíku, der alte Siebzehnsilber, ein vergleichsweise langer Riemen.

EIN Gedicht von F.W. Bernstein kennt jeder:
Die schärfsten Kritiker der Elche
waren früher selber welche
Das ist F.W. Bernstein: ein schöner Elchundselberwelch, ein Molchundselbersolch, ein Spieler, dem sich die Sprache hingibt, der sie aber, und das macht ihn ganz einzig, nicht immerzu nur gefällig und fügsam haben will, sondern brüchig, sperrig und voller Überraschungen. Da wird sogar ein Wortkonstrukt und -getüm wie »Die SOLLBRUCHSTELLE« zu Leben und Klang erweckt:
ZAPP –
genau da bricht er ab.

Tiere kennt er inwendig, als Zeichner wie als Dichter: die, tätä!, ins Französische übersetzte »Wachtel Weltmacht«, den Ordinärbär, der »Putzimutzipetzigeil!« ruft, und, posthum, den Dodo, auch ihn hundertprozentig frei von Rührseligkeit mit Tieren. »Dodo tot?«, fragt Bernstein und antwortet:
Der Dodo hat uns verlassen?
Hat wohl nicht alle Tassen
im Schrank!

War wohl schon ziemlich vertrottelt.
Dodo ist ausgerottelt?
Vielen Dank.

Bernstein kann alles, alle Tonfälle und Formen, alle Vögel alle, und ausgelassen herumdameln und albern sein und einen schönen »Waldunsinn« zusammendölmern sowieso:
Pü Reh rennt wiehernd durch den Tann,
weil es sich selber melken kann.
Das Veilchen platzt; die Nelken welken,
sie können sich nicht selber melken.
Pü Reh tut weiter wiehern,
statt sie zu erziehern.

Keine erahnbare Pointe rührt der Dichter F.W. Bernstein an, denn das Naheliegende ist ihm fern. Lyrische Steilvorlagen von Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid und Volker Kriegel nimmt er auf und vollendet, elegant bedient er Horst Tomayer, Eugen Egner, Vincent Klink und Freund Auflauf in der Bratenröhre. Dass die Literaturkritik – so sie ihn überhaupt zur Kenntnis nimmt – Bernstein als milde und harmlos wegsortiert, sagt viel über die Literaturkritik und gar nichts über Bernstein, der auch noch das armstarken Schreiern anheimgefallene oder sonstwie brach liegende politisch radikale Feld bestellt. Die allseits händeringend beschworene wie gratis geächtete »Gewalt« wird von Bernstein angstlos und kühlen Kopfes betrachtet:
Die Gewalt im Allgemeinen
muß der Bürger strikt verneinen
sonst kriegt er eins auf den Hut
bis er sie verneinen tut

Im Besondren hilft Gewalt
in so manchem Sachverhalt
Mit Gewalt fällt manches leicht
was man ohne schwer erreicht

Nur mit Schlägen kriegst Du ein’
Nagel in die Wand hinein
Nur mit Sanftmut kannst Du ihn
schwerlich wieder rauseziehn

Hört das Fänsän nimmer auf
nimm den Hammer und hau drauf
– und so wunderbar immer weiter.

Wo Bernstein hindichtet, wächst kein Blödsinn mehr, kein Kitsch. Wer ihn aber zu lesen versäumt, hat den Salat und kommt darin um: Im Oktober 2003 feiert die Heldenstadt Leipzig auf riesigen Plakaten sich und ihren Oktober 1989 als – du kriegst die Tür nicht zu – »Wunder biblischen Ausmaßes«. Haben sie es nicht noch ein paar Nummern größer? Und warum der hybride Eigenweirauch? Weil es im deutschen Herbst 1989, wie es heißt, »keine Gewalt« gab. Nicht einmal Schlüsselgewalt?

Bernsteins »Patriotie« ist ein Vorschlag zur Güte, dessen Humanisierungskraft alles schlägt, was deutsche Schwer- und Dickdenker zustandebringen, und kürzer und sternenhelle formuliert ist das sowieso:
Das Wichtigste liegt in der Mitte!
Bitte:
Streich weg das DE und am End das AND:
DEUTSCHLAND wird hiermit UTSCHL genannt.
Wenn das wahr würde, ein zauberhaftes Land wäre das, und F.W. Bernstein, auch wenn er’s gar nicht wollte, wäre König, dichtete fein und leise heiter weiter. Das tut er aber ohnehin – und liest dem von ihm exakt als »Büchnergreis« identifizierten Schirrmacher-Geschöpf und Maultrommler Durs Grünbein gut gelaunt die Leviten:
Was gibt’s denn da zu lachen – wenn isch da was merk
O Lyrik gar nicht schwierig ist Dein Werk
Das läuft von selbst in hundert Hinterzommern
Verdammt! Vertippt! Doch Hinterzommern bleibt!
In hundert Jahren sind wir alle hin
Und Blasen steigen aus den Essensresten
Hans Magnus Essensrest – halt stopp, das wird gestrichen
Wer stochert hier in meinen Lottozahlen
das Gähnen wird verboten und die Zusatzzahl
So steht’s in dem Gedicht NACH DEN SATIREN
Der Letzte macht das Licht aus. Keiner lacht.
Wenn jeder Witz erzählt ist. Gute Nacht.

Wer danach immer noch den Weltuntergangszwang hat, kommt ins Bernsteinsche »Apokalypsen-Programm«:
Montag geht die Welt zugrunde
Dienstag regnet’s und ist kalt
Mittwoch um die zehnte Stunde
wird kein Geld mehr ausgezahlt

Donnerstag nur Feuersbrünste
Freitag früh ist Jüngster Tag
Samstag Ende aller Künste
und zwar ZACK auf einen Schlag

Sonntag herrscht dann endlich Ruhe
und die Straßen wüst und leer
auf der Post noch ein Getue
Pst – nun ist auch das nicht mehr

O Herr, lass diesen Elch niemals an mir vorübergehn!


F.W. Bernstein: Die Gedichte, mit Vignetten vom Autor, Verlag Antje Kunstmann, Leinen, gebunden, 600 S., 19,90 €


Wiglaf Droste veröffentlichte diese Elchkritik in der Buchmessenausgabe der »Jungen Welt« und, etwas gekürzt, im BR-Radio (»Kultur aktuell«) sowie in der »Weltwoche«.

© F.W. Bernstein, März 2002 – März 2017